Ein Rückblick auf die Jahre 1843 bis 1850
Von Januar 1843 bis Oktober 1850 gab der Buchdrucker und Buchhändler Peter Garms (1813-1888) in Deutsch Krone [Wałcz] eine Wochenzeitschrift heraus, die mit Ausnahme des Jahrgangs 1849 vollständig in der Berliner Staatsbibliothek vorliegt.1Der Stadt- und Landbote zunächst für die Kreise Dt. Crone, Chodziesen, Czarnikow und Flatow. In: Staatsbibliothek Berlin Unter den Linden, 7 Bde., 1843-1848 u. 1850, Signatur Ztg 232. Das ist fast ein Wunder, denn die Stadt- und Landbote benannte Publikation war nach dem Zeitungskatalog des Jahres 1848 lediglich in einer Auflage von etwa 200 Exemplaren verbreitet.2Deutscher Zeitungs-Katalog, Leipzig 1848, S. 89. In krassem Missverhältnis zur geringen Auflagenzahl stand die Größe des Verbreitungsgebiets: Dieses umfasste nicht nur den Landkreis Deutsch Krone, sondern auch die angrenzende Kreise Chodziesen, Czarnikau und Flatow [Chodzież, Czarnków und Złotów]. Es war mithin 6300 Quadratkilometer groß – das ist das Doppelte des heutiges Saarlands.

Geographisch entsprach das Verbreitungsgebiet exakt dem westlichen Teil des Netzedistrikts, wie er unter Friedrich Ⅱ. nach der ersten polnischen Teilung im Jahr 1772 eingerichtet worden war. Offiziell bestand diese Verwaltungseinheit seit den Verhandlungen des Wiener Kongresses im Jahr 1815 nicht mehr. Damals war das Territorium auf zwei preußische Provinzen verteilt worden: Der südliche Teil mit den Landkreisen Chodziesen und Czarnikau gehörte nun zum Regierungsbezirk Bromberg im Großherzogtum Posen, der nördliche mit den Landkreisen Deutsch Krone und Flatow hingegen zum Regierungsbezirk Marienwerder in der Provinz Westpreußen.
Die Grenzziehung von 1815 war nie unumstritten gewesen;3Siehe zu den Stimmungen bei der Grenzziehung: M. Laubert: Studien zur Geschichte der Provinz Posen in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts, 2. Band, Posen 1927, S. 30 ff. eine Lektüre des Stadt- und Landboten beweist, dass auch drei Jahrzehnte später noch starke kulturelle und ökonomische Bindungen über Provinz- und Kreisgrenzen hinaus bestanden. Zwar lebten die meisten Leser und Inserenten des Boten im Kreis Deutsch Krone selbst, aber von Beginn an fand das Blatt solche auch in in den drei Nachbarkreisen. Dabei waren naturgemäß die nahegelegenen Orte Schneidemühl [Piła] und Schönlanke [Trzcianka] besonders stark vertreten, aber die Zeitschrift erreichte bald auch Czarnikau, Filehne [Wieleń], Krojanke [Krajenka], Samotschin [Szamocin] und selbst das 80 Kilometer entfernte Vandsburg [Więcbork]. Schwerer tat sich der Bote in der mehrheitlich polnisch-sprachigen Region südlich der Netze, dafür fand Garms bald ein Publikum in der benachbarten preußischen Provinzen Neumark und in Pommern.
Die untenstehende Karte zeigt, dass Deutsch Krone ungefähr im Zentrum des Verbreitungsgebiets des Boten lag, in dem um 1840 etwa 150 000 Menschen lebten.4Alle statistischen Angaben nach: P. Sinnhold: Neuester Abris einer Geographie des Königlich-Preussischen Staates, Liegnitz 1835, S. 32/33 u. 56/57. Das Gebiet war vorrangig von der Landwirtschaft geprägt und wies lediglich Kleinstädte auf. Deren größte war Schönlanke mit 3300 Einwohnern, auf das Jastrow [Jastrowo] mit 3200 folgte. Deutsch Krone selbst zählte wie Czarnikau 2900 Einwohner, Chodziesen 3000 und Flatow lediglich 2000.

Obwohl die beiden Staatschausseen von Berlin nach Königsberg durch das Gebiet führten, war es verkehrstechnisch schlecht erschlossen. Zu einer Eisenbahnanbindung kam es erst 1851 – also nach Einstellung des Boten – mit dem Bau der Preußischen Ostbahn, die von Friedeberg in der Neumark [Strzelce Krajeńskie] über Filehne, Schönlanke, Schneidemühl, Krojanke und Flatow nach Bromberg [Bydgoszcz] führte.
Garms selbst nannte seinen Stadt- und Landboten ein »gemeinnütziges Unterhaltungsblatt« – und tatsächlich entspricht der Inhalt des Blattes nicht dem, was wir heute als Wochenzeitschrift verstehen. Allein wegen der preußischen Zensur fielen politische Inhalte weitgehend aus, so dass die an jedem Samstag mit vier Seiten Umfang erscheinende Publikation regelmäßig mit dem Teilabdruck eines Romans, einem Gedicht oder einer Erzählung startete. Auf der zweite Seite folgten unter der Überschrift »Buntes« anekdotische oder unterhaltende Ereignisse aus aller Welt, die Garms vermutlich aus anderen Blättern übernahm. Diese Rubrik füllte oft auch die gesamte dritte Seite, und erst auf der letzten standen lokale Inhalte, deren Hauptteil Anzeigen ausmachten.
Nach dem Impressum lagen »Redaction, Druck und Verlag« des Boten in den Händen von Peter Garms – aber eine journalistische Redaktion im heutigen Sinn besaß das Blatt nicht. Die redaktionelle Arbeit beschränkte sich auf die Auswahl und das Redigieren fremder Inhalte. Selbst über lokale Themen berichtete die Publikation nicht mit eigenen Berichten, sondern mit »Korrespondenzen«, die aus dem Leserkreis eingingen. Obgleich Grams in jeder Nummer ausdrücklich dazu aufrief,5Der Hinweis »Beiträge, welche der Tendenz dieses Blattes entsprechen, sind auch unfrancirt der Redaction jederzeit willkommen« fand sich seit 1844 am Kopf jeder Nummer. blieben solche Einsendungen freilich der Konjunktur unterworfen und sind in mancher Nummer gar nicht zu finden.
Die Thematik der veröffentlichten Korrespondenzen ist weit gefächert. Neben lokalen Festlichkeiten und angeblichen Skandalen behandeln sie wirtschaftliche und soziale Fragen, das Verhältnis der Konfessionen, den polnischen Aufstand des Jahres 1846 und natürlich die Revolution des Jahres 1848. Oftmals neigten die Korrespondenten, die in der Regel anonym blieben, zu einem polemischen Stil, der entsprechend scharf formulierte Widerreden provozierte.
Die Tätigkeit der Redaktion schloss zwangsläufig die Verantwortlichkeit gegenüber der preußischen Zensur ein, die der Landrat Eduard von Zychlinski (1795-1858) vor dem Erscheinen jeder Nummer ausübte. Politisch sehr weit rechts stehend, ging von Zychlinski dabei offenbar zurückhaltend vor und ließ auch wüste Polemik nahezu unbehindert passieren. Einmal warf ihm dies selbst die eigene Bürokratie als Nachlässigkeit vor.6Vgl.: Stadt- und Landbote, Nr. 4 vom 25.01.1845, S. 4.
Obwohl sich das Format des Boten ab dem Jahr 1844 vom zweispaltigen Quart- auf das dreispaltige Median-Format vergrößerte, blieb der Preis der Zeitung über den Erscheinungsverlauf stabil. Er lag bei sieben Silbergroschen und sechs Pfennig pro Quartal inklusive der Zustellung – mithin bei einem Taler pro Jahr. Der Stadt- und Landbote war damit nur unwesentlich günstiger als der Graudenzer Gesellige, der im Jahr einen Taler und zehn Silbergroschen kostete, aber zweimal pro Woche erschien.7Deutscher Zeitungskatalog … a. a. O., S. 96. Das Sorauer Wochenblatt kostete ebenfalls einen Taler im Jahr. A. a. O., S. 132. Ein Abonnement des dreimal wöchentlich erscheinenden Danziger Dampfboots erforderte sogar vier Taler pro Jahr.8A. a. O., S. 54.
Die Einzelnummern des Boten hatten keinen Preis, was darauf hindeutet, dass der Bote – wie die meisten anderen Zeitschriften der Zeit – ausschließlich im Quartalsabonnement zu beziehen war. Die Identität der Abonnenten ist naturgemäß unbekannt, ihr Gros dürfte jedoch den Verwaltungsbehörden, Gutsbesitzern und Gewerbetreibenden des Verbreitungsgebiet zuzuordnen sein. Diese zahlenden Kunden stellten allerdings gewiss nicht den hauptsächlichen Leserkreis des Blattes. Der bestand, wie es einer polemischen Zuschriften des katholischen Pfarrers Riebschläger treffend heißt, aus »Laden- und Schnapshauslesern« – also aus Menschen, die zur Lektüre ein Gasthaus oder ein Lesekabinett aufsuchten.9Riebschläger: Ein Wort zur Zeit. In: Stadt- und Landbote, Nr. 4 vom 25.01.1845, S. 3. Nur durch diese öffentlichen Orte konnten die zeitgenössischen Publikationen trotz ihrer geringen Auflagen – auch der Gesellige kam 1848 lediglich auf 400, das Culmer Wochenblatt sogar nur auf 150 Exemplare – eine Massenwirksamkeit erreichen.

Auch die Insertionsgebühren blieben mit einem Silbergroschen pro Zeile über den Erscheinungszeitraum hinweg unverändert. Das war der gleiche Preis, den auch der Gesellige in Graudenz verlangte – jedoch für die doppelte Auflage. Der Kreis der gewerblichen Inserenten entsprach vermutlich weitgehend dem der Abonnenten. Es fällt auf, dass im Boten nur sehr selten Familienanzeigen abgedruckt wurden. Öfter kommen Abschiedsanzeigen oder auch persönliche Mitteilungen, mitunter in gereimter Form, vor.
Garms Zeitungsgründung war im Jahr 1843 zweifellos eine unternehmerische Pioniertat. Der Stadt- und Landbote genoss nicht nur in seinem Verbreitungsgebiet eine publizistische Alleinstellung, auch in den größeren Städten der Provinzen Posen und Westpreußen waren ähnliche Zeitschriften selten zu finden. Meistenorts gab es nur die offiziösen Kreisblätter, deren Inhalt sich auf amtliche Bekanntmachung und Anzeigen beschränkte. Erst ab 1846 erschien in Bromberg ein Wochenblatt, 1848 folgte Kulm [Chełmno], 1850 Dirschau [Tczew].
Die Einstellung des Stadt- und Landboten im Oktober 1850 begründete Peter Garms mit der Wiedereinführung der Kautionspflicht in Preußen, die nach der Verordnung vom 5. Juni 1850 für alle Publikationen gelten sollte, die sich nicht allein auf amtliche Bekanntmachungen und Anzeigen beschränkten. Als Kaution für seinen Boten hätte Garms die beachtliche Summe von 500 Talern hinterlegen müssen, die er nach eigenem Eingeständnis weder aufbringen konnte noch wollte. In der letzten Nummer des Blattes legte Garms dar, dass die Zeitschrift mit der einzigen Ausnahme des Jahres 1845 nie einen Gewinn abgeworfen, sondern über die Jahre ein Defizit von rund 500 Talern erwirtschaftet hatte.10Stadt- und Landbote, Nr. 43 vom 26.10.1850, S. 1 u. 2. So erschien ihm die Einstellung als einzige Möglichkeit. Als Alternative verwies er die Leser auf das Kreisblatt des Landratsamts, das in Garms Druckerei in einer Auflage von 220 Exemplaren hergestellt wurde.

Erst 1877 wagte sein Sohn Franz Garms mit der Herausgabe des Deutsch Kroner Zeitung einen neuen Zeitungsversuch. Zwischenzeitlich hatten sich jedoch die ökonomischen und sozialen Verhältnisse verändert und in den wachsenden Städten Czarnikau und Schneidemühl bestanden seit 1852 und 1867 eigene Blätter. Der 1843 noch gegebene Zusammenhang im einstigen Netzedistrikt war auf wirtschaftlichem Gebiet weitgehend zerbrochen.
Wird fortgesetzt …