Ein Bote aus der Vergangenheit – Teil 2
Von Januar 1843 bis Oktober 1850 gab der Buchhändler und -drucker Peter Garms in Deutsch Krone die Wochenzeitschrift »Stadt- und Landbote« heraus. Im ersten Teil dieser Serie wurde die Zeischrift selbst porträtiert; in diesem zweiten Teil wird das Jahr 1843 anhand der Korrespondenzen und Anzeigen im Boten dargestellt.
Das Jahr 1843 begann im Verbreitungsgebiet des Stadt- und Landboten mit einem Sturm, »welcher in der Nacht von Sylvester auf Neujahr tobte«.1Stadt- und Landbote, 1. Jahrgang. Nr. 1 vom 7.01.1843, S. 4. Dabei brannte eine holländische Windmühle beim »Dominium Böskow« [Böskau, heute Byszkowo] und wenig später eine Bockwindmühle bei Tempelburg [Czaplinek] im Kreis Neustettin ab. Im Boten wurde vermutet, »der wüthende Orkan« habe »die Mühlenflügel losgerissen und diese dann mit solcher Heftigkeit umgetrieben, daß das innere Getriebe« sich selbst entzündete.

Am 11. März informierte der Bote seinen Leserinnen und Leser darüber, dass die Stadt einen sicherlich seltenen »Kunstgenuß zu erwarten« hatte:
Dem Vernehmen nach beabsichtigt der Schauspiel-Unternehmer Herr Bachmann, welcher gegenwärtig mit einer honetten, gut einstudirten Gesellschaft in Schneidemühl recht artige Stücke zur Aufführung bringt, mit derselben auch hierorts ein Dutzend Vorstellungen zu geben.«2Stadt- und Landbote, 1. Jahrgang. Nr. 10 vom 11.03.1843, S. 4.
Die Zeitschrift versicherte, Bachmann stehe »in dem Rufe eines rechtlichen, thätigen Mannes, der die Bühnengeschäfte mit Umsicht leitet«, so dass »widrige Eindrücke […] zwischen Publikum und Theater« gewiss vermieden würden.
In der Ausgabe vom 18. März berichtete der Bote über ein schweres Verbrechen im Städtchen Märkisch Friedland [Mirosławiec]:
Ein in dieser Gegend unerhörter Raubmord ist in der Nacht vom 14. zum 15. März in M. Friedland an der Wittwe Gottschalk und deren Dienstmagd verübt worden. Beide wurden des Morgens als Leichen in ihrem Blute schwimmend gefunden, und zwar, wie verlautet, die Wittwe mit verstopftem Munde und eingeschlagener Hirnschale und das Dienstmädchen mit abgeschnittenem Halse. Nähere Data über dieses empörende That, so wie den damit verbundenen Diebstahl müssen wir abwarten.«3Stadt- und Landbote, 1. Jahrgang. Nr. 11 vom 18.03.1843, S. 4.
In der Ausgabe vom 21. März kam die Zeitschrift mit einem langen und ausführlichen Korrespondentenbericht auf das Verbrechen zurück. Nach diesem Bericht war die ermordete Witwe Aaron Gottschalk »etwa 40 und einige Jahre alte Frau«, die »im Rufe nicht geringer Wohlhabenheit stand«.4Stadt- und Landbote, 1. Jahrgang. Nr. 12 vom 25.03.1843, S. 4. – Dort auch alle folgenden Zitate. Zusammen mit ihrem Dienstmädchen Wilhelmine Golz bewohnte sie »schon seit einigen Jahren ein kleines, in der Pfarrstraße[…] belegenes Häuschen von zwei Etagen«. Sie betrieb dort einen unbedeutenden Kleinhandel »mit verschiedenen Schnittwaaren«, lebte aber im übrigen zurückgezogen.

Hinter dem Haus, das »ringsum mit benachbarten und eigenen Stallungen umgeben« war, befand sich ein kleines Gärtchen, »welches nur durch einen niedrigen Zaun von dem freien Felde getrennt« war. Die Täter – es wurden »zwei Bösewichter« vermutet – waren offenbar vom Garten aus durch eine »alt und bruchfällig« gewordene Hintertür in das Haus eingedrungen und hatten die beiden Frauen mit großer Brutalität ermordet:
Die veranlaßte Section hat ergeben, daß sowohl die Wittwe Gottschalk als die Wilhelmine Golz durch Hiebe mit der Schärfe eines Beiles, oder einer Axt, sowie durch viele Streiche mit der Kehrseite eines dergleichen Instrumentes in den Kopf ermordet worden sind […]«
Beide Frauen hatten bereits in ihren Betten gelegen; das Mädchen wurde im Schlaf getötet, die Witwe »als sie eben erwachte«. Die Täter hatten nach der Tat das Ladenlokal und die Wohnung durchsucht und dabei alle »Kommoden und Spinde« geöffnet. Gestohlen wurde jedoch nur Bargeld im Wert von zehn bis 25 Reichstaler.
Sehr werthvolle Gold- und Silbergeräthe, eine goldene Repetir-Uhr, selbst ein goldener Ring in dem genannten Ladentische, sind unberührt liegen geblieben […]«
Der Korrespondent schilderte weiter, die Witwe Gottschalk sei »eine allgemein geachtete Frau und Vorsteherin des hier bestehenden Frauen-Kranken-Vereins« gewesen.
Ihren so gewaltsamen und gräßlich herbeigeführten Tod beweinen drei wohlerzogene hoffnungsvolle Söhne in weiter Ferne.«
Wilhelmine Golz war hingegen ein »unbescholtenes Mädchen von 19 Jahren, das den schon in ihrem früheren Dienste geernteten Lob und ihren guten Ruf auch während ihrer zweijährigen Dienstzeit bei ihrer ermordeten Dienstfrau bewährte.« Für die Ergreifung der Täter setzte »die hiesige« Commune« eine Belohnung von 100 Reichstaler aus. »Alle zur Entdeckung der Thäter bisher gehaltenen Nachforschungen« hatten freilich bislang »zu keinem Erfolge geführt«.
Der Doppelmord in Märkisch Friedland wurde im Mai 1843 auch von der in Leipzig erscheinenden Zeitschrift »Der Orient« aufgegriffen.5Märk.-Friedland, 30. April. In: Der Orient. Berichte, Studien und Kritiken für jüdische Geschichte und Literatur [Hrsg. J. Fürst], 4. Jahrgang, Nr. 21, Leipzig, 23.05.1843, S. 165. Dort heißt es ergänzend, die Witwe Gottschalk sei um 1801 in Krojanke als Hannchen Heimann Lehmann geboren worden und habe im Alter von 18 Jahren in Filehne Aaron Perez geheiratet, der aber bereits acht Monate nach der Hochzeit verstarb. Die junge Witwe lehnte lange eine zweite Eheschließung ab und vermählte sich erst spät mit dem Witwer Aaron Gottschalk aus Märkisch Friedland, einem »vermögenden und edlen Mann«. Gottschalk verstarb nach nur fünfjähriger Ehe etwa ein Jahrzehnt vor dem Mord. Er hinterließ der Witwe drei Söhne, die aber jetzt alle »in der Fremde« verweilten.
Abweichend vom Bericht im Boten wird die Beute der Raubmörder im Orient auf etwa 50 Taler beziffert, auch hießt es dort, die Belohnung von 100 Taler sei »durch eine Kollekte von Juden und Christen gezeichnet worden«.6A. a. O., S. 164. Trotz der ausgesetzten Summe waren die Täter »bis auf den heutigen Tag unentdeckt geblieben«, heißt es bedauernd in der Zeitschrift.

Ob die Tat jemals aufgeklärt wurde, ist nicht bekannt. Am 5. Oktober des Jahres wurde in Märkisch Friedland jedenfalls der Nachlass der Witwe Gottschalk »gegen gleich baare Bezahlung« versteigert. Wie ein Inserat im Boten ankündigte, bestand dieser »in einem Schnittwaaren-Lager […], in schönem Leinenzeug und Betten, kostbaren Kleidungsstücken und Büchern«.7Stadt- und Landbote, 1. Jahrgang. Nr. 36 vom 9.09.1843, S. 4.
In der Ausgabe 13 vom 1. April 1843 berichtete der Stadt- und Landbote über die Theateraufführungen, die inzwischen in Deutsch Krone stattgefunden hatten. Die Gesellschaft von »Herrn Ed. Bachmann« startete die Saison am 24. März »mit dem Wolff’schen Lustspiele ›Cäsario‹«und brachte an den folgenden Tagen Raupachs »Die Schule des Lebens«, Nestroys »Eulenspiegel« und das Stück »›Der Maskenball‹ nach Scribe von Dr. Bärmann«.8Stadt- und Landbote, 1. Jahrgang. Nr. 13 vom 25.03.1843, S. 4. Der Korrespondent fand die Vorführungen zwar »im Allgemeinen« gelungen und lobte eine »freundlich decorirte[…] Bühne und geschmackvolle[…] Garderobe«, hatte aber an den Leistungen mancher Schauspieler viel zu bemängeln:
Hr. Rohde zeigte zuviel Phlegma in seinem Spiele und schien den Charakter seiner Rolle nicht gut aufgefaßt zu haben. Hr. Bertram genügte als König von Kastilien durchaus nicht.«9Stadt- und Landbote, 1. Jahrgang. Nr. 13 vom 1.04.1843, S. 4.
Gelobt wurde Herr Höhle, der »den Kaspar Mehlwurm gediegen« durchführte, sowie der Direktor Bachmann selbst. Der Schauspielerin Demoiselle Craz riet der mit dem Initial »F« zeichnende Korrespondent »nicht so vielen Fleiß auf das Gesichterschneiden zu verwenden«, ihre Kollegin Demoiselle Carli hingegen, auf »sentimentale Seufzer« zu verzichten.
Die Einsendung scheint nicht in der gesamten Leserschaft gut angekommen zu sein, denn in der nächsten Nummer des Boten kündigte der Korrespondent – nun »A. Freundt« zeichnend – an, dass er sich »keine Besprechung mehr über die Leistungen der jetzt hier anwesenden Schauspielergesellschaft erlauben werde«.10Stadt- und Landbote, 1. Jahrgang. Nr. 14 vom 8.04.1843, S. 4.
Die Kritik, soll sie überhaupt fruchten, muß den Stempel der Wahrheit, der Unpartheilichkeit tragen. Die Wahrheit findet aber, wie fast überall so auch hier, verschlossene Thüren. Ein Quidam hat sich herausgenommen, meine Recension im vorigen Stücke d. Bl. durch ein verunglimpfendes Possenspiel lächerlich zu machen.«
Bachmanns Theatergesellschaft scheint bis Ende April in der Stadt geblieben zu sein, denn in Nummer 16 baten »mehrere Theaterfreunde« in einer Anzeige, er möge doch »das interessante Stück: ›Napoleon’s Anfang, Glück und Ende‹ […] zur Aufführung bringen«.11Stadt- und Landbote, 1. Jahrgang. Nr. 16 vom 22.04.1843, S. 4. Berichte darüber oder über das Theater überhaupt gab es aber nicht mehr. Der Musiklehrer Albert Freundt hielt Wort – und blieb stumm.

Am 8. April berichtete der Bote über ein »starkes Gewitter«, das in Zippnow [Sypniewo] Johanna Radtke tötete. Das Mädchen war von ihrem Vater, dem Kolonisten Radtke, aufs Feld geschickt worden, wo das Gewitter sie überraschte.12Stadt- und Landbote, 1. Jahrgang. Nr. 14 vom 8.04.1843, S. 4.
Vielleicht weil es sonst an Korrespondenzen mangelte, veröffentlich Garms am 8. Juli im Boten eine Rechenaufgabe als Preisrätsel. Der Hauptpreis bestand in einem »Bildniß Sr. Majestät Friedrich Wilhelm IV., auf chines. Papier«, dass der Kaufmann H. J. Halle gewann.13Stadt- und Landbote, 1. Jahrgang. Nr. 26 vom 1.07.1843, S. 4 u. Stadt- und Landbote, 1. Jahrgang. Nr. 27 vom 8.07.1843, S. 4.
In der Ausgabe vom 25. August 1843 hatte der Bote gleich über mehrere Unglücksfälle zu berichten. Das erste war der Brand des Berliner Opernhauses in der Nacht vom 18. auf den 19. August, die weiteren waren lokaler Natur:
In der Nacht vom 14. zum 15. August brannten die Wohn- und Wirtschaftsgebäude des Bauern Lorenz Friske auf dem Abbau Freudenfier ab und am 17. ejd. Morgens 2 Uhr, wurden auf dem Dominium Wissulke die Scheunen, ein Speicher und ein Stallgebäude ein Raub der Flammen. Außer dem Winter- und einem Theil Sommergetreide und Futter, sind fast sämmtliche Ackergeräthschaften, als Wagen etc., auch 2 Pferde mit verbrannt.«14Stadt- und Landbote, 1. Jahrgang. Nr. 34 vom 25.08.1843, S. 4. – Freudenfier heißt heute Szwecja, Wissulke Wiesiółka.
Zudem wurde ein »Glasmachergeselle aus Sagan [Żagań] in Schlesien« in Freudenfier »von einem beladenen Frachtwagen überfahren und ihm das Bein dergestalt zerschmettert, daß es am anderen Tage am Oberschenkel abgenommen werden mußte«. Das Unfallopfer wurde im Rathaus von Deutsch Krone behandelt, da es im Städtchen kein Krankenhaus oder ähnliches gab.
Am 31. August 1843 wurde in Deutsch Krone der »neue evangelische Kirchhof« eingeweiht. Der Bote berichtete über dieses wichtige lokale Ereignis umfassend in seinen Nummern 35 und 36, ging dabei allerdings auf die genaue Lage des Friedhofs mit keinem Wort ein.15Stadt- und Landbote, 1. Jahrgang. Nr. 35 vom 2.09.1843, S. 4 u. Stadt- und Landbote, 1. Jahrgang. Nr. 36 vom 9.09.1843, S. 3. Wir erfahren nur, dass der alte Begräbnisplatz den Anforderungen nicht mehr genügte und dass ein festlicher Umzug die »Einweihungsfeierlichkeit« begleitete. An ihm beteiligte sich neben der Schützengilde und der Schuljugend auch eine große Volksmenge »aus allen Ständen und allen Confessionen, auch viele Bekenner des jüdischen Glaubens«. Der Festakt selbst wurde vom »Ortspfarrer« geleitet, der freilich im Artikel ungenannt blieb. Erwähnt wird nur ein Lehrer Kautz, der die »Knaben der ersten Schulklasse« beim Umzug anführte.
In der Nummer 36 findet sich außerdem ein Bericht über ein »heftiges, von Hagel und Sturm begleitetes Gewitter«, dass am 4. September zwischen sechs und sieben Uhr abends »über hiesiger Stadt und Gemarkung« niederging. Das Unwetter richtete »nicht unbedeutenden Schaden an den, der Wetterseite ausgesetzt gewesenen Fenstern, so wie unter den Feldfrüchten« an.16Stadt- und Landbote, 1. Jahrgang. Nr. 36 vom 9.09.1843, S. 4.
Am Empfindlichsten sind diejenigen Ackerwirthe betroffen worden, welche ihr Sommergetreide spät gesäet und demzufolge noch auf dem Halme stehen haben. Gerste, Hafer und Erbsen haben am meisten gelitten, indem die Schlossen, von dem Orkane gepeitscht, in der Größe von Flintenkugeln fielen.«
Der Bote nutzt das Unwetter, um seine Leserschaft an die Vorteile einer Hagel-Versicherung für die Landwirtschaft zu erinnern.

In derselben Nummer findet sich noch ein weiterer Bericht über einen Unglücksfall: Bereits am 3. September hatte der Knecht Carl Kluck in Schrotz [Skrzatusz] aus Übermut ein Gewehr mit einem Kupferhütchen versehen und abgefeuert. Der Schuss tötete die »am Fenster sitzende Ehefrau des Beikosäthen Schur«, die Kluck eigentlich nur »durch den Knall erschrecken wollte«:
Der hölzerne Ladestock war ihr, in mehrere Stücke zerschmettert, theils in das Auge, theils durch den Hals in die Brusthöhle gedrungen, so daß sie nach 24 Stunden unter großen Leiden den Geist aufgab.«17Ebenda.
In der Nummer 41 vom 14. Oktober 1843 berichtete der Bote über zwei prominente Todesfälle: Am 28. September war der Provinzial-Schulrat Dr. Jachmann in Thorn, am 6. Oktober der Oberbau- und Regierungsrat Hartmann aus Marienwerder im Dorf Grabowo bei Schneidemühl verstorben.18Stadt- und Landbote, 1. Jahrgang. Nr. 41 vom 14.10.1843, S. 4.
Derselbe wollte sich mit dem Königl. Regierungs-Chef-Präsidenten Herrn v. Nordenflycht nach Tütz, Dt. Croner Kreises, begeben, um dort die neuerbaute evangelische Kirche in Augenschein zu nehmen und dann der Einweihung dieses Gotteshauses, welche am Sonntag den 8. October stattfand, beizuwohnen.«
Eine Korrespondenz zur Einweihung der evangelischen Kirche in Tütz [Tuczno] findet sich leider nicht im Boten. Dieselbe Ausgabe brachte aber unter dem Titel »Poetische Kleinigkeiten« ein Gedicht, das mit »E. Sp.« gezeichnet war. Es bildete der Auftakt zu einer ganzen Gedichtserie, die sich über mehrere Nummern hinzog. Verfasser der Verse war mit hoher Wahrscheinlichkeit der in Schönlanke geborene Kaufmann Eduard Spude (1820-1887), der im Jahr darauf mehrere Artikel zu sozialen und wirtschaftlichen Themen im Boten veröffentlichte. Die Zusammenarbeit von Garms und Spude setzte sich bis ins Jahr 1885 fort, als letzter im Deutsch Kroner Verlag seine »Geschichte der Stadt Schönlanke und Umgegend« veröffentlichte.19E. Spude: Geschichte der Stadt Schönlanke und Umgegend, Deutsch-Krone, 1885.
Von der Nummer 40 an veröffentlichte der Bote unter der Rubrik »Marktpreise« die Preise für die wichtigsten landwirtschaftlichen Produkte auf den Märkten in Berlin, Deutsch Krone und ab Nummer 41 auch in Landsberg an der Warthe [Gorzów Wlkp.].20Ebenda u. Stadt- und Landbote, 1. Jahrgang. Nr. 40 vom 7.10.1843, S. 4. Dabei waren aber nur die lokalen Preise aktuell – die aus Berlin waren in der Regel eine Woche, die aus Landsberg mitunter zehn Tage alt. Ein Vergleich der Preise führt zu der Feststellung, dass die Preise in Landsberg meist günstiger waren als in der Kleinstadt Deutsch Krone. So kostete dort der Scheffel Roggen am 14. Oktober 1843 einen Taler 15 Groschen, in Landsberg aber lediglich einen Taler 13 Groschen.21Stadt- und Landbote, 1. Jahrgang. Nr. 42 vom 21.10.1843, S. 4. – Dort auch die folgende Angabe. In Berlin notierte der Scheffel Roggen am 16. Oktober mit einen Taler 17 Groschen sechs Pfennig.
Die Nummer 42 vom 21. Oktober 1843 brachte einen »Aufruf zur Wohlthätigkeit«, den Landrat Eduard von Zychlinski unterzeichnet hatte.22Ebemda. Anlass war ein Brand in Borkendorf [Dobrzyca], durch den »3 Bauerwirthe, 2 Häusler und 15 Einliegerfamilien, ihr ganzes Habe verloren«. Die Zahl der Menschen ohne Obdach, für die nun »Gaben der Milde und des Mitleids« gesammelt wurden, belief sich auf 98.
Mit Lokalpolitik befasste sich eine Korrespondenz, die zwei namentlich nicht genannte Lehrer »an den beiden christlichen Elementarschulen« in Deutsch Krone eingereicht hatten.23Stadt- und Landbote, 1. Jahrgang. Nr. 45 vom 11.11.1843, S. 4. Sie beklagten sich im ironischem Ton darüber, dass ihnen der Magistrat durch eine »Veränderung der Hauspläne […] ihre Weideabfindung entziehen wollte. Durch den Wegfall der Weideabfindungs-Parzellen ging ihnen ein Teil des Einkommens verloren, das zu jener Zeit nur teilweise in barem Geld gezahlt wurde. Eine Reaktion auf die Korrespondenz findet sich nicht im Blatt.

Vom 25. November bis zum 3. Dezember 1843 gab es in Deutsch Krone ein »bewegliches Wachsfiguren-Kabinett und Cosmorama« zu bestaunen. Wie der Bote seinen Leserinnen und Lesern berichtete, zeigte der Mechanicus Henri Riemer im Saal des Hotels »Kaiserin von Rußland« u. a. den »großen Brand von Hamburg«, die »Abholung der Leiche Napoleons von St. Helena im Jahre 1840« und »zwei Türken welche musiciren«.24Stadt- und Landbote, 1. Jahrgang. Nr. 47 vom 25.11.1843, S. 4. Der Eintritt kostete pro Person zweieinhalb Groschen, Kinder unter zehn Jahren zahlten die Hälfte.
Die gleiche Ausgabe des Boten brachte einen gereimten Nachruf auf Heinrich Grams, der als »zarter Jüngling« in Schloppe [Człopa] verstorben war.25Ebenda.
Am 16. Dezember 1843 veröffentliche der Bote erstmals eine Korrespondenz aus Czarnikau, in der darüber berichtet wurde, dass ein »Orkan aus Nordwest« am Morgen des 9. Novembers das Dach der dortigen katholischen Kirche teilweise abgedeckt und deren Turmspitze abgerissen hatte:
Die Spitze des gegen 200 Fuß hohen Thurmes der hiesigen katholischen Collegiat-Kirche, bestehend in einer 6 Fuß langen und 2 Zoll im Quadrat dicken eisernen Stange, nebst der daran befindlichen Wetterfahne von 3 Fuß Länge, mit der Jahreszahl 1725 […], wurde gewaltsam losgerissen und nach der Südseite der Kirche, zum Glück auf dem Kirchhofe, 3 Fuß tief in die Erde geschleudert.«26Stadt- und Landbote, 1. Jahrgang. Nr. 50 vom16.12.1843, S. 4. – Dort auch die folgenden Zitate.
Die Region um Tütz hatte ebenfalls unter dem Orkan zu leiden, der dort die Form eines Schneesturm annahm – eines »der fürchterlichsten, welcher seit Jahren hierorts erlebt wurde«. In Marzdorf [Marcinkowice] warf der Sturm eine Windmühle um, zahllose Häuser mit Strohdächern wurden abgedeckt, starke Obstbäume umgeworfen. Großen Schaden richtete der Wind auch im adligen Stranzer Forst an, wo ein Achtel des Holzbestandes »gänzlich demolirt« wurde. Auch im Dorf Stranz [Strączno] warf der Sturm die Spitze vom Kirchturm herunter.
Interessant ist auch der Anzeigenteil des Blattes, in dem sich zwischen allgemeinen Geschäftsempfehlungen auch Bekanntmachungen finden. Von besonderem Reiz sind die Inserate der Post, die uns die Verkehrsverhältnisse der damaligen Zeit vor Augen führen. So teilte das Königliche Postamt in Deutsch Krone den Fahrgästen am 13. Mai mit, dass »in Folge hoher Verfügung« die tägliche Personenpost nach Schneidemühl aufgehoben war.27Stadt- und Landbote, 1. Jahrgang. Nr. 19 vom 13.05.1843, S. 4. An deren Stelle trat »eine dreimal wöchentliche zweispännige Cariol-Post mit bequemen Wagen«. Die Abfahrt in Deutsch Krone war sonntags, montags und freitag um 5.15 Uhr, die Ankunft in Schneidemühl um 16.00 Uhr am Nachmittag desselben Tages. Fast elf Stunden Fahrtzeit also für eine Strecke von 25 Kilometer …

Im Oktober des Jahres teilte das Postamt in Deutsch Krone in einem Inserat mit, dass sich die Fahrzeiten auf dem »Haupt-Course« von Berlin nach Tauroggen (litauisch: Tauragė) und Königsberg (heute: Kaliningrad) zum 1. November änderten.28Stadt- und Landbote, 1. Jahrgang. Nr. 41 vom 14.10.1843, S. 4. – Dort auch die folgenden Angaben. Eine bislang von Ruschendorf aus nach Königsberg fahrende Personenpost wurde ganz eingestellt.
Nach dem neuen Fahrplan sollte in Deutsch Krone jeweils dienstags und sonnabends um 13.25 Uhr eine reine Briefpost von Berlin nach Königsberg eintreffen; die entgegengesetzte Briefpost von Königsberg nach Berlin wurde montags und freitags um 10.50 Uhr erwartet. An den übrigen Tagen verkehrte auf der Strecke von Berlin nach Tauroggen eine »Courierpost«, die Briefe und Personen beförderte und in Deutsch Krone jeweils um 13.15 Uhr anlangte. Die Kurierpost in der entgegengesetzten Richtung sollte an allen Tagen außer montags und freitags um 11.35 Uhr ankommen. Zusätzlich gab es noch täglich um 17.30 Uhr eine reine Personenpost nach Berlin und um 6.30 Uhr eine nach Königsberg.
Über die Fahrtzeiten wird leider nichts berichtet, allerdings war die Zahl der Passagiere bei der regulären Post auf sechs Personen im Hauptwagen und vier »in der Cours-Beichaise« beschränkt. Der günstigste Fahrtpreis belief sich pro Meile auf sechs Groschen, dabei waren 30 Pfund Gepäck frei. Die Entfernung von Berlin nach Deutsch Krone entsprach 31¾ Meilen, die Fahrt dorthin kostete also sechs Taler zehn Groschen sechs Pfennig.29Die Wegstrecke wurde berechnet nach J. B. Karg (Hrsg.): Neuester Wegweiser für Reisende jeden Standes durch ganz Deutschland und alle angrenzenden Länder, München u. Augsburg [1856], S. 108.
Neben den Bekanntmachungen des Postamts finden sich auch solche der königlichen Land- und Stadtgerichte und der Forstämter. Während die Ersteren auf öffentliche Auktionen von Gegenständen aus Zwangsversteigerungen hinwiesen, kündigten die Letzteren Termine zum Holzverkauf oder zur Verpachtung von Jagdrevieren an.
Die Geschäftsanzeigen im Boten sind generell in einem Tonfall abgefasst, den wir heute als unterwürfig empfingen: So werden Waren und Dienstleistungen einem hochverehrten Publikum und einem hohen Adel gehorsamst empfohlen, prompte und reelle Bedienung zu billigen Preisen versprochen. Viele der Inserenten kamen aus der jüdischen Bevölkerungsgruppe, unter der Handwerker, Gastwirte und Kaufleute stark vertreten waren. Der wichtigste gewerbliche Inserent des Boten war aber gewiss Peter Garms selbst. Der Verleger bewarb in der eigenen Zeitschrift nicht nur die seine Buchhandlung, seine Leihbücherei und sein Papierwarengeschäft, er vertrieb auch Versicherungen und Brillen der optischen Industrie-Anstalt in Rathenow. Zudem nutze er seinen Anzeigenteil um Arbeitsgesuche, Stellenangebote und vielfältige private Verkäufe zu vermitteln.

Im ersten Jahrgang des Stadt- und Landboten finden sich weit über hundert Inserate und Bekanntmachungen. Die nachfolgende Liste nennt in alphabetischer Folge alle Namen, die im Anzeigenteil des Jahres 1843 vorkommen.
Apolant, L. – Klempner u. Lackierer in Deutsch Krone;
Apolant, S. – Drechsler in Deutsch Krone;
Aschheim, W. – Gastwirt u. Kaufmann in Neuhochzeit;
Baarcz, Dorothea – Besitzerin des Hauses Markt Nr. 297 in Deutsch Krone,
Bachmann, Ed. – Theaterunternehmer, z. Zt. in Deutsch Krone;
Bartikowski – Rendant am Land- und Stadtgericht in Deutsch Krone;
Bensch – Oberförster in Schönlanke;
von Bismarck – Assessor am Land- und Stadtgericht in Deutsch Krone;
Bredow, Alb. – Gymnasiast z. Zt. in Deutsch Krone;
Borchardt, J. A. – Versicherungsagent in Jastrow;
Busse, L. – landw. Gutachter in Deutsch Krone;
Cohn, J. – Versicherungsagent in Märkisch Friedland;
Dickmann – Justizkommissar in Deutsch Krone;
Dornblüth – Sattler in Deutsch Krone;
Emmich, C. F. – Schauspieler in der Gesellschaft Bachmanns;
von Falckenhain – bis 1843 Gutsbesitzer in Klein Nakel;
Finger, Louise – Damenschneiderin im Haus der Witwe Siemon in Dt. Krone;
von Finckenstein – Kommandeur des Landwehrregiments in Schneidemühl;
Freundt, Albert – Musiklehrer in Deutsch Krone;
Gallert – Witwe u. Kauffrau in Deutsch Krone;
Garms, Peter – Buchhändler, -drucker und Verleger in Deutsch Krone;
Geilenfeld, A. L. – Kaufmann in Regenthin bei Woldenberg;
von Gersdorff, Carl – Besitzer der Herrschaft Tütz;
Goerke – kaufte den Gastwirt von Gallert in Schloppe;
Goldstein, L. – Porträtmaler z. Zt. in Deutsch Krone;
Gorke – Bataillons-Büchsenmacher in Schneidemühl;
Gottschalk, Aron – Kaufmann in Märk. Friedland, 1843 bereits verstorben;
Gramse, Joseph – Ackerwirt in Jastrow, 1843 verst.;
Grubel – verlässt Deutsch Krone;
Gützlaff – Schäfereibesitzer in Lemnitz bei Schönlanke;
Haedke – Bäckermeister in Deutsch Krone;
Halle, H. J. – Kaufmann in der Königstraße Nr. 130 in Deutsch Krone;
Haller, Jos. – Kaufmann in der Judenstraße in Deutsch Krone;
Harnisch, Friedr. – Tischlermeister in Kallies;
von Hartwig – Witwe in Kallies;
Helmecke, H. – Buchbinder u. Tapezierer in Deutsch Krone;
Henk, Friedrich Wilhelm – Freigutsbesitzer in Schneidemühler-Hammer;
Henk geb. Arndt, Johann Wilhelmine – dessen Ehefrau;
Hernke, F. W. – Kleidermacher aus Stettin, z. Zt. in Märk. Friedland;
Hirschfeldt, M. – Kleidermachermeister in Deutsch Krone;
Hirsekorn, H. J. – Kaufmann in Hochzeit;
Hoffmayr, C. – mit F. Voigt Besitzer einer Kalkbrennerei in Hochzeit;
Höfer – Gutsbesitzer in Alt-Prochnow;
Höhle – Zimmermaler in Deutsch Krone;
Kersten, J. – Drechslermeister in Dramburg;
von Klitzing – Besitzer der Herrschaft Lüben;
Kloer – Justizkommissar in Deutsch Krone;
Korth – Gutsbesitzer in Dreetz;
Kraft & Lesser – Brennerei in Märkisch Friedland;
Krüger, Andreas – Ackerbürger in Deutsch Krone;
von Kuycke – Besitzer der Posthalterei in Deutsch Krone;
Lange, C. – Gutsbesitzer in Abbau Briesenitz;
Lange, Fried. Wilh. – Nagelschmied in der Mühlengasse Nr. 253 in Deutsch Krone;
Lemke – Verwalter auf dem Dominium in Tütz;
Leuchert – Postbeamter in Deutsch Krone;
Liebert – o. O. – geht nach Ramslau;
Linde, S. M. – Kaufmann in Jastrow;
Litten, S. M. – Kaufmann in Jastrow;
Löwe, H. – Kaufmann in Deutsch Krone;
Löwe, M. – Kaufmann in Usch;
Nicolai – Lehrer in Schneidemühl;
Mager, F. – Lehrer und Küster in Springe bei Hochzeit;
Markwald, Gebrüder – Kaufleute in Schneidemühl;
Marwitz – Müller auf der Pilow-Mühle, 1843 bereits verstorben;
Mascke, C. F. – Tischlermeister in Deutsch Krone;
Matthäi – Assessor am Land- und Stadtgericht in Deutsch Krone;
Mayen, E. – Zigarren- u. Weinhändler in Deutsch Krone;
Mayne – verlässt Deutsch Krone nach Marienwerder;
Menard – Kaufmann in Deutsch Krone;
Müller, A. – Kaufmann in Deutsch Krone »neben der Apotheke«;
Nagel, Ernst – Buch- und Musikalienhändler in Schneidemühl;
Neff, J. P. – Gold- u. Silberarbeiter an der Malzmühle in Deutsch Krone;
Neumann – Güteragent in Schloppe;
Neumann, Emilie – Putzmacherin in Kallies;
Otto – Schmied in Neupreußendorf;
Percynski – Offizial und Grundbesitzer in Deutsch Krone;
Peter, Madame – verwitwete Hausbesitzerin in Deutsch Krone;
Peter, J. – Rentier in Deutsch Krone;
Pinnow – Sattlermeister in Deutsch Krone;
Profé, F. A. – Kaufmann in Jastrow;
Rathge – Bäckermeister o. O.;
Riemer, Henri – Mechanikus, z. Zt. in Deutsch Krone;
Schleußner – Freigutsbesitzer in Freudenfier;
Schmidt – Gutspächter in Vorwerk Mellentin;
Schur, J. – Kaufmann u. Gastwirt in Deutsch Krone;
Stargardt, A. M. – Kaufmann in Märkisch Friedland, hat Geschäft aufgegeben;
Stegemann – Gutsbesitzer in Neupreußendorf;
Stelter – Zimmermeister in Tütz;
Stern – Freigutsbesitzer in Schrotz;
Stüwe – Bürgermeister von Märkisch Friedland;
Sydow – Uhrmacher, ist von Nakel nach Schneidemühl umgezogen;
Szczepanski, A. – Schuhmacher aus Posen, wohnt jetzt Judenstraße Nr. 307 in Dt. Krone;
Teske, Johann – Ackerbürger, 1843 bereits verstorben;
Tischer – Posthalter in Arnsfelde;
Thonemann, Madame – verkauft Pianos in Märk. Friedland;
Tramnitz – Oberförster in Zippnow;
Trieder, August – Brunnenbauer in Tütz;
Tuszynski – Propst in Schrotz;
Unrau – Controleur am Land- und Stadtgericht in Deutsch Krone;
Verch, J. F. – Amtmann in Neu-Hochzeit;
Voigt, F. – mit C. Hoffmayr Besitzer einer Kalkbrennerei in Hochzeit;
Wagner – Amtmann in Stranz;
Walter – Beamter des Land- und Stadtgerichts in Jastrow;
Wedell, J. M. – Kaufmann in Schloppe;
Werner, J. M. – Kaufmann in Deutsch Krone;
Wiese – Maurermeister in Deutsch Krone;
Witte – auf Vorwerk Riege, ihm ist ein Jagdhund entlaufen;
Zimmermann, W. – Administrator des Ritterguts in Schrotz;
von Zychlinski – Landrat in Deutsch Krone.