Eine preußische Karriere – Teil 2

Teil ❷ ▶︎ Menschen verschiedenster Herkunft und Konfession prägten mit ihrer Tätigkeit das Deutsch Kroner Land. Der folgende Aufsatz, der 2026 zuerst in polnischer Sprache in den »Wałeckie Zeszyty Muzealne« (Band 4) erschien, ist dem Amtsarzt Dr.Mecklenburg gewidmet. Der zweite Teil schildert seine Lebensgeschichte von 1848 bis zu seinem Tod im Jahr 1882.
Seine Erfahrungen bei Bekämpfung der Epidemie verarbeitete Mecklenburg im Jahr 1854 zu dem Buch »Was vermag die Sanitäts-Polizei gegen die Cholera«, das wiederum im Verlag von August Hirschwald in Berlin erschien.1Dr. Mecklenburg: Was vermag die Sanitäts-Polizei gegen die Cholera? Nach eigenen Erfahrungen beantwortet. Berlin 1854. In der Schrift vertrat Mecklenburg die irrige Ansicht, »dass der Boden bei der Cholera eine Hauptrolle spielt, dass er vielleicht der Träger des Contagiums ist«.2A. a. O., S. 34. Richtig erkannte er jedoch, dass die Krankheit stets örtlich begrenzt auftrat:
Es zeigt nun aber die Cholera die meiner Ansicht nach ganz eigenthümliche Erscheinung, dass sie nur ausnahmsweise den Ort in seiner Totalität ergreift, sie umgränzt sich vielmehr und bildete Cholera-Bezirke.«3A. a. O., S. 32.
Ebenfalls richtig war Mecklenburgs Beobachtung, dass die Cholera zumeist den ärmsten Teil der Bevölkerung traf, »dass es eine Krankheit des Proletariats ist«.4A. a. O., S. 45. Dort auch das folgende Zitat. Er forderte deshalb vor allem soziale Verbesserungen:
Da es feststeht, dass das Proletariat über Verhältniss ergriffen wird […], so muss nach Möglichkeit dem Proletariate das Proletarische genommen werden.«
Das dazu nötige Geld sei vorhanden, behauptete Mecklenburg, denn die Bekämpfung der Epidemie der Jahre 1848 und 1849 habe den Kreis Deutsch Krone 400 Taler gekostet, die besser in »erfolgreiche Vorkehrungen« geflossen wären.5A. a. O., S. 47. Die konkrete Vorschläge, die Mecklenburg zur Überwindung »des Proletarischen« machte, zeigen jedoch wenig Realitätssinn und zudem eine bemerkenswerte Tendenz zu autoritär-administrativen Handeln: So sollte der Landrat bei Ausbruch einer Epidemie »eine Commission« einsetzen, die anhand vorbereiteter Listen »das Proletariats dieses Bezirks unter steter Controle« hält, seine »Lebensweise sorgfältigst überwacht« und von den Armen das »fortschaffte, was ihnen schädlich ist«.6Ebenda. Selbst der preußischen Obrigkeitsstaat hätte derart drastische Eingriffe in die individuelle Lebensgestaltung einer ganzen Gesellschaftsschicht wohl nicht durchzusetzen können.

Die zeitgenössische Kritik lobte Mecklenburgs »kleine Schrift, in welcher er die Resultate seiner sorgfältigen, vorurtheilsfreien Ermittelungen über Ursprung und Verbreitung der Cholera in den einzelnen Ortschaften des Deutsch-Croner Kreises« publizierte.7E. Müller: Was vermag die Sanitäts-Polizei gegen die Cholera? [Rezension]. In: Medicinische Zeitung, Nr. 44 (Beilage), Berlin, 1. November 1854, S. 215. Für Medizin- wie Regionalhistoriker ist das Buch bis heute interessant, weil es nicht nur seltene statistische Daten liefert, sondern auch die Krankheitsverläufe detailreich schildert. Ein Beispiel aus Broczyno [Brotzen] mag an dieser Stelle erlaubt sein:
Eine Escadron Husaren war am 28. October 1849 nach D.-Crone gekommen; sie verlor dort einen Mann an der Cholera und marschierte am 30. aus. Unterweg erkrankte ein Husar und starb an demselben Tage in Brotzen (mit 551 Einwohnern) bei dem Bauer Z. Am 1. November erkrankte in demselben Hause die Tagelöhnerfrau Z. und starb. Mit ihr zugleich und ziemlich zur selben Stunde erkrankten, einige Häuser davon, zwei Töchter des Invaliden R., von denen die jüngere, gleich vielen andern Kindern des Dorfes bei dem kranken Husaren gewesen war, und starben, die eine am 2. die andere am 8. November.«8Mecklenburg: Was vermag …, a. a. O., S. 26.
Schon von Schloppe aus hatte sich Mecklenburg regelmäßig als Schriftsteller an medizinischen Zeitschriften betätigt.9So z. B.: J. M. Mecklenburg: Vollständiges Lehrbuch über die Verwundungen etc. [Rezension]. In: Allgemeine medizinische Zeitung [Hrsg. C. Pabst], 5. Heft, Altenburg, Mai 1836, Spalten 633-639. Seine Aufsätze und Kritiker zeichnete er damals »J. M. Mecklenburg«, während er später – als Kreis-Physikus in Deutsch Krone – unter dem Namen »Dr. Mecklenburg« veröffentlichte. Es mag sein, dass er durch Auslassung seiner Vornamen antisemitische Ressentiments abwehren wollte, die im Deutsch Kroner Land durchaus verbreitet waren. Ein frühes Beispiel für solche Stimmungen findet sich in einem Artikel, den der Besitzer der Herrschaft Fuhlbeck, Eduard Grabs von Haugsdorf, im Dezember 1848 im Stadt- und Land-Boten veröffentlichen ließ. Ausdrücklich auf jüdische Literaten und Mediziner bezogen hieß es darin:
Nur bei dem gebildeten, mit den Forderungen der Zeit und der Menschenliebe vertrauten Mittelstande des Volkes wird die Euch zugebilligte Gleichheit als Gerechtigkeit erkannt; die höheren Stände haben selten Sympathie für Euch, und der niedere Stand trägt bis auf wenige Ausnahmen noch den alten, angeerbten, rücksichtslosen Haß gegen Euch.«10Anonym: Ansprache an unsere israelitischen Mitbürger. In: Der Stadt- und Land-Bote zunächst für die Kreise Dt. Crone, Chodziesen, Czarnikau und Flatow, 6. Jahrgang, Nr. 51, Deutsch Krone, 9. Dezember 1848, [S. 3 u. 4]. – Nach Protesten distanzierte sich von Haugsdorf später öffentlich von dem Inhalt des Artikels. Siehe dazu seine Erklärung im Stadt- und Land-Boten, Nr. 53 vom 30. Dezember 1848, [S. 4].
Als im Sommer 1873 eine neuerliche Cholera-Epidemie im Kreis Deutsch Krone ausbrach, berichtete Mecklenburg wiederum detailliert über den Ausbruch:
Nach der Ortschaft Kesburg [Karsibór] kam am 14. October eine Frau, welche in D. Krone einen Cholera-Anfall glücklich überstanden, den Ort am 26. September verlassen und sich bis dahin umhergetrieben hatte. In Kesburg […] kehrte sie bei Arbeiterfamilie Achterberg ein, bei welcher sie die Nacht zubrachte; zwei Tage später erkrankte die Hausfrau und erlag noch an demselben Tage, eine Frau, welche die Leiche gewaschen hatte, starb am 19. und eine andere, welche das Kind der verstorbenen Frau Achterberg zu sich genommen hatte, erkrankte 24 Stunden später und erlag ebenfalls. […] Auch in dieser Epidemie, wie in allen früheren in dem Kreise beobachteten, hat vorwiegend das Proletariat gelitten, während die jüdische Bevölkerung in einem auffallend geringen Grade von der Seuche heimgesucht worden ist.«11Zitiert nach: A. Hirsch: Die Cholera-Epidemie des Jahres 1873 in Norddeutschland. In: Berichte der Cholera-Kommission für das Deutsche Reich, Berlin 1879, S. 62.
Auch in Mecklenburgs medizinischen Artikeln finden sich vielfach Schilderungen, die tiefe Einblicke in die Lebensrealitäten im Kreise geben. So berichtete er im Jahr 1852 über einen plötzlichen Todesfall:
Am 4. August c. kommt der Krüger K., ein arger Säufer, 54 Jahr alt, der in Unfrieden mit seiner Familie häufig genug derbe Schläge ausgetheilt und erhalten hat, aus der Stadt S. mit einem Sacke Salz auf dem Wagen nach Hause, trägt ihn in die Stube, fängt hier Zank mit seiner Frau an, der 27jährige Sohn kommt der Mutter zu Hülfe, und er wird der Art geprügelt, dass etwa der vierte Theil des Körpers mit blauen Flecken bedeckt ist. Ob er unmittelbar nach der Misshandlung das Bett gehütet, ist nicht ermittelt; es steht aber aktenmäßig fest, daß er am 8. [Tag] angetrunken außerhalb des Hauses gewesen ist […]. Abends legt er sich berauscht und angetrunken aufs Bett, um 2 Uhr Nachts hört die Frau ihn unverständliche Worte vor sich hin murmeln, stark athmen und dann still werden. Sie springt auf, sieht nach, und findet eine Leiche.«12Dr. Mecklenburg: Die neue Richtung der gerichtlichen Medicin. In: Medicinische Zeitung, 23. Jahrgang, Nr. 51, Berlin, 20. Dezember 1854, S. 247.
Interessant ist auch die folgende Schilderung der Auswirkung übermäßigen Alkoholkonsums aus dem Jahr 1852:
Unsere Gegend bietet reichlich Gelegenheit[,] Säufer zu beobachten und zu behandeln. Nur der beginnende und der Säufer der ersten 8 bis 10 Jahre ist Objekt der Heilung, und kranket viel. […] Der alte Säufer dagegen besitzt eine bewunderswerthe Lebenszähigkeit und Immunität gegen Krankheiten. Alles um in herum ist krank, er bleibt gesund […]; die Anverwandten sehen sehnsüchtig seinem Tode entgegen, er lebt von einem Jahre zum andern, und erreicht häufig ein Alter über 60 Jahre, in Schloppe starb einer hoch in den Neunzigern; der Tod erfolgt in der Regel auf der Landstraße, im Winter durch Erfrieren, sonst an Wasersucht oder Marasmus.«13Mecklenburg: Die Wasserkur …, a. a. O.
Für seine »uneigennützige Thätigkeit bei der Behandlung armer Cholera-Kranker« war Mecklenburg bereits am 2. März 1849 von der Regierung in Marienwerder mit einer »rühmlichen Erwähnung« bedacht worden,14Preuß. Regierung Marienwerder: Amts-Blatt der Königl. Regierung zu Marienwerder, Nr. 11 vom 14. März 1849, S. 76. der im Mai 1853 die Auszeichnung mit der silbernen Impfmedaille folgte.15Preuß. Regierung Marienwerder: Amts-Blatt der Königl. Regierung zu Marienwerder, Nr. 21 vom 25. Mai 1853, S. 125 u. 126. Im Februar 1859 verlieh ihm der preußische Prinzregent – der spätere König Wilhelm Ⅰ. – den »Charakter als Sanitäts-Rath«;16Personal-Nachrichten. In: Medicinische Zeitung, 2. Jahrgang, Nr. 12, Berlin, 23. März 1859, S. 62. im Oktober 1872 wurde er mit dem preußischen Verdienstorden (Roten Adlerorden) 4. Klasse ausgezeichnet.17Auszeichnungen. In: Deutsche Klinik. Zeitung für Beobachtungen aus deutschen Kliniken und Krankenhäusern [Hrsg. A. Göschen], Nr. 41, Berlin, 12. Oktober 1872, S. 388. Ab Januar 1880 durfte sich Mecklenburg »Geheimer Sanitätsrat« nennen – und hat damit den höchsten Ehrentitel in seinem Amt erworben.18Personalien. In: Allgemeine Medicinische Central-Zeitung, 49. Jahrgang, Nr. 1 (Beilage), Berlin, 3. Januar 1880, Spalte 10.

Zu dieser Zeit lebte Mecklenburg seit langen Jahren als Witwer. Seine Ehefrau Auguste geborene Friedemann war am 24. März 1867 in Deutsch Krone verstorben, was er gemeinsam mit der Tochter Clara »tiefbetrübt allen Verwandten und Bekannten« mit einer Anzeige in der gemäßigt-liberalen Vossischen Zeitung anzeigte.19Traueranzeige. In: Königlich Privilegirte Berlinische Zeitung (Vossische Zeitung), Nr. 72, Berlin, 26. März 1867, Zweite Beilage, S. 4. Es ist anzunehmen, dass ihm die Tochter in den folgenden Jahren den Haushalt führte und ihn auch auf Reisen begleitete, wie beispielsweise auf jene, die im Herbst 1868 zur Versammlung »Deutscher Naturforscher und Ärzte« nach Dresden führte.20Erstes Verzeichnis der Mitglieder und Teilnehmer. In: Tageblatt der 42. Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte in Dresden 1868, Nr. 2, Dresden, 18. September 1868, S. 27.

Im Jahr 1876 erkrankte der inzwischen 69-jährige schwer und konnte deshalb den jährlichen Impfbericht nicht rechtzeitig vorlegen.21Dr. Mecklenburg: Zur Impffrage. In: Vierteljahrsschrift für gerichtliche Medizin und öffentliches Sanitätswesen, Band 27, Berlin 1877, S. 164. Da er als Kreisphysikus keinen Anspruch auf eine Pension hatte, blieb er dennoch weiter im Amt, wie das in Preußen durchaus üblich war.22H. Eulenberg: Das Medicinalwesen in Preussen, Berlin 1874³, S. 603 u. 604. Im Januar 1881 hatte die Tochter Clara dann die traurige Pflicht, den Tod ihres Vaters, des königlichen Kreis-Physikus’ und Geheimen Sanitätsrats Dr. Karl Jacob Mecklenburg der Öffentlichkeit bekannt zu machen. Nach dem Wortlaut der Traueranzeige, die in der nationalliberalen National-Zeitung erschien, war der »innig geliebten Vater« am 2. Januar 1882 im 75. Lebensjahr in Deutsch Krone verstorben.23Traueranzeige. In: National-Zeitung (Morgen-Ausgabe), 35. Jahrgang, Nr. 7, Berlin, 5. Januar 1882 [S. 8]. Aus seiner Heimatstadt wurde ihm in der Allgemeinen Medicinischen Central-Zeitung folgender Nachruf gewidmet:
Deutsch-Krone. Durch den vor Kurzem an einer Lungenentzündung im 75. Jahre erfolgten Tod des Kreisphysicus, Geh. San.-Raths Dr. Mecklenburg, hat unser Kreis einen sehr schmerzlichen Verlust erlitten. Der Verstorbene zeichnete sich ebensowohl durch hervorragende Tüchtigkeit, wie durch stete, auch unter den schwierigsten Verhältnissen bereite Hilfsleistung und strenge Gewissenhaftigkeit in seinem Beruf aus, Eigenschaften welche um so mehr Anerkennung verdienen, als er bei seinem hohen Alter schon an der früheren körperlichen Rüstigkeit eingebüsst hatte.«24Tagesgeschichte. In: Allgemeine Medicinische Central-Zeitung, 51. Jahrgang, Nr. 4 (Beilage), Berlin, 14. Januar 1882, Spalte 46.
Das Kreisphysikat in Deutsch Krone fiel nach dem Tod Mecklenburgs an den bisherigen Kreis-Wundarzt Dr. Adolph Wilde, der freilich auch bereits 63 Jahre alt war.25Personalien. In: Breslauer Ärztliche Zeitschrift, 4. Jahrgang, Nr. 8, Breslau, 22. April 1882, S, 95. – Der frühere Militärarzt Adolph Wilde wurde 1819 in Tuchel geboren. Anderthalb Jahre nach dem Tod des Vaters heiratete Clara Antonia Mecklenburg in Deutsch Krone den Landesbaurat und Witwer Wilhelm Oltmann (1829-1904) aus Danzig. Die Braut war nach den Aufgebotsakten 46 Jahre alt und der evangelischen Konfession zugehörig.26Verhandelt Dt. Krone, den 4. October 1883. In: Urząd Stanu Cywilnego w Wałczu: Wstȩpne akta małżeństw poniemieckie (1883), In: Archiwum Państwowe w Koszalinie Oddział w Szczecinku, Signatur: 28/227/0/003, Blatt 193 Vorderseite. Es handelte sich vermutlich um eine Versorgungsehe, mit der die Enkelin des Märkisch Friedländer Schutzjuden Moses Jacob ihre Zugehörigkeit zum preußischen Establishment sicherte.
