Eine preußische Karriere

Teil ❶ ▶︎ Menschen verschiedenster Herkunft und Konfession prägten das Deutsch Kroner Land. Der folgende Aufsatz, der 2026 zuerst in polnischer Sprache in den »Wałeckie Zeszyty Muzealne« (Band 4) erschien, ist dem Amtsarzt Dr.Mecklenburg gewidmet. Der erste Teil schildert seine Lebensgeschichte bis ins Jahr 1848.
Nach einer Feststellung des Historikers F. W. F. Schmitt (1823-1910) prägte ein »tausendjähriger Wechselverkehr« dreier Nationen – nämlich von Polen, Deutschen und Juden – das Leben im Deutsch Kroner Land.1F. W. F. Schmitt: Geschichte des Deutsch-Croner Kreises, Thorn 1867, S. 159. Der Arzt Karl Jacob Mecklenburg war einer der vielen Wanderer zwischen den durch Religion, Sprache und Kultur geschiedenen Lebenswelten.
Geboren wurde er im Quatember pro Luciae des Jahres 1807 – also zwischen dem 14. September und dem 13. Dezember – als ältester Sohn des extraordinären Schutzjuden Moses Jacob in Märkisch Friedland, einer Stadt, in der zu jener Zeit 1106 Einwohner jüdischen Glaubens in 221 Familien lebten.2General-Tabelle der sämtlichen in der Stadt M. Friedland befindlichen Juden Seelen pro Anno 1807. In: Jüdische Gemeinde Märkisch Friedland: Generaltabelle der Judenfamilien 1799-1810, LDS-Filme 7990054 (rechte Seiten) u. 7990055 (linke Seiten), verfilmt im Bundesarchiv Koblenz 1958, https://www.familysearch.org/de/search/film/007990054?i=0 bzw. https://www.familysearch.org/de/search/film/007990055?i=0, S. 429, 430 u. 455, besucht am 31.01.2026. – Im Jahr 1802 wurden in Märkisch Friedland insgesamt 1918 Einwohner gezählt – mehr als die Hälfte der Einwohnerschaft war also jüdisch. L. Krug: Betrachtungen über den National-Reichthum des preußischen Staats, und über den Wohlstand seiner Bewohner, Band 2, Berlin 1805, S. 69. Sein Vater war bei seiner Geburt 29 Jahre alt und vermutlich einer der vielen Händler im Ort; die Mutter des Knaben – der als Erstgeborener nach jüdischem Brauch den Namen Jacob erhielt – hieß Mindel und zählte 31 Jahre. Im Jahr 1812 erwarb der Vater die preußische Staatsbürgerschaft und nahm den Familiennamen Mekelburger an,3Preuß. Regierung Marienwerder: General-Verzeichniß sämmtlicher in dem Departement der Königl. Regierung von Westpreußen vorhandenen Juden welchen das Staatsbürger-Recht ertheilet worden, Marienwerder o. J. [1812], S. 53. der vielleicht daran erinnerte, dass die Familie ursprünglich aus Mecklenburg stammte.
Der Sohn Jacob erwarb seine primäre Schulbildung auf der israelitischen Schule in Märkisch Friedland4B. Lindenberg: Geschichte der israelitischen Schule zu Märkisch Friedland, Märkisch Friedland 1855, S. 22 u. 324. und besuchte dann sechs Jahre lang das Gymnasium zum Grauen Kloster in Berlin.5J. M. Mecklenburg: Sciagraphia metalloidum officinalium una cum expositione effectuum quos exserunt in organismum humanum. Dissertatio inauguralis medico-chemica, Berlin 1833, S. 33. Nach erfolgreicher Reifeprüfung begann er Ostern 1829 ein Medizinstudium an der dortigen Friedrich-Wilhelms Universität. Irgendwann zwischen 1812 und 1829 hatte er seinen Nachnamen geändert, denn im Studierendenverzeichnis wurde er als »Mecklenburg, J. M.« mit der Anschrift Klostergasse 49 geführt.6J. F. A. Wernicke: Verzeichniß der Studirenden auf der Königl. Friedrich-Wilhelms Universität zu Berlin auf das halbe Jahr von Ostern bis Michaelis 1829. Berlin 1829, S. 21. Das »M.« des zweiten Vornamens stand für den Vaternamen Moses und bedeutete eine Reminiszenz ans Judentum, in dem Patronyme traditionell von Bedeutung waren.
Im Juli 1833 schloss Mecklenburg das Studium mit einer Dissertation über die Wirkung von Metalloiden auf den menschlichen Organismus ab.7Mecklenburg: Sciagraphia Metalloidum …, a. a. O. Die gedruckte Ausgabe beinhaltet auch eine »Vita« in lateinischer Sprache, die ins Deutsche übersetzt wie folgt beginnt:
Ich wurde als Jakob Mos. Mecklenburg, ein Anhänger des alten Glaubens, in der Stadt Friedland, Märkisch genannt, im Jahr 1808 als Sohn der besten und geliebtesten Eltern, Vater Moses Mecklenburg und Mutter Wilhelma aus dem Geschlecht Levinstein, geboren, die durch göttliche Gnade noch heute leben und die ich mit frommem und dankbarem Herzen verehre.«8Ebenda, S. 33. – Übersetzung von mir.
Neben dem falschen Geburtsjahr fällt in diesem Zitat auch der Vorname der Mutter ins Auge: Im Prozess der Assimilation war aus der hebräischen Mindel zwischenzeitlich eine preußische Wilhelma geworden. Mit der Germanisierung ging der Wortsinn verloren. Während Mindel Ruhe oder Frieden bedeutet, meint Wilhelma eine kraftvolle Beschützerin (ihrer Sippe). Ob die Eltern zu dieser Zeit immer noch in Märkisch Friedland lebten, dessen jüdische Bevölkerung zwischen 1807 und 1837 um mehr als ein Drittel zurückging, ist nicht bekannt.9Im Jahr 1837 umfasste die Gemeinde nur noch 730 Köpfe. M. Aschkewitz: Zur Geschichte der Juden in Westpreußen, Marburg/Lahn 1967, S. 28.

Im weiteren Verlauf der Vita dankte Mecklenburg den Lehrern, die seinen bisherigen Bildungsweg begleitet hatte. In Märkisch Friedland waren das Rektor Dessau, Konrektor Friedländer, Subrektor Cohn und Kantor Bottky; in Berlin der Rektor des Grauen Klosters Johann Joachim Bellermann (1754-1842), der Rektor der Universität Clemens August Carl Klenze (1795-1838) und der Dekan der medizinischen Klinik Ernst Daniel August Bartels (1778-1838).10Ebenda. Mecklenburg schreibt statt den Namen des Kantors »Bodky«. Zu den Professoren, deren Vorlesungen Mecklenburg würdigte, gehörte neben dem Anatom Johannes Peter Müller (1801-1858), dem Chemiker Eilhard Mitscherlich (1794-1863) und dem Chirurg Johann Friedrich Dieffenbach (1792-1847) auch der ebenfalls in Märkisch Friedland geborene Botaniker und Pharmakologe Philipp Phoebus (1804-1880). Mecklenburg schloss die Vita mit der Hoffnung, nach Dissertation und Verteidigung der Thesen »die höchste Auszeichnung in beiden medizinischen Fächern« verliehen zu bekommen. Diese Hoffnung ging in Erfüllung: Die Universität Berlin sprach ihm im gleichen Jahr den Doktortitel der Medizin und der Chirurgie zu.11A. C. P. Callisen: Medicinisches Schriftsteller-Lexicon der jetzt lebenden Verfasser, Nachtrag, Bd. 30, Len-M., Kopenhagen 1848, S. 308.
Im Jahr 1835 veröffentlichte Mecklenburg zusammen mit dem Apotheker Jacob Franz Simon im Berliner Verlag von August Hirschwald das Lehrbuch »Grundzüge der Chemie in Tabellenform«, das in den zeitgenössischen Rezensionen ein gemischtes Urteil fand. Während die Jahrbücher der in- und ausländischen gesammten Medicin dem Buch »Nachlässigkeiten im Ausdrucke, Unvollständigkeit in der Behandlung aller einzelnen Rubriken, ja selbst Fehler« vorwarfen,12F. Meurer: Grundzüge der Chemie in Tabellen-Form [Rezension].In: Jahrbücher der in- und ausländischen gesammten Medicin [Hrsg. C. C. Schmidt], Band X, Nr. 3, Leipzig 1836, S. 329. würdigte der Rezensent der Zeitschrift Isis das Buch als »passend eingerichtet«13Anonym: Grundzüge der Chemie [Rezension]. In: Isis. Enzyklopädische Zeitung, Heft 6, Leipzig, Juni 1835, Spalte 489. und der Kritiker des Repertoriums für die Pharmacie wertete es als »sehr empfehlenswert, um dem Gedächtnisse zur Hülfe zu kommen«.14Anonym: Grundzüge der Chemie in Tabellen-Form (Rezension). In: Repertorium für Pharmacie [Hrsg. Dr. Buchner], 53. Band, Nürnberg 1835, S. 261. In der Vorrede zum Werk hieß es, Mecklenburg habe lediglich die Seiten 1 bis 93 von insgesamt 150 bearbeitet, weil er dann »durch die plötzliche Verlegung seines Wirkungskreises aus Berlin nach seinem gegenwärtigen Wohnorte (Schloppe in Westpreussen) und durch überhäufte ärztliche Berufsthätigkeit daselbst an der Fortsetzung gehindert« worden sei.15J. M. Mecklenburg, J. F. Simon: Grundzüge der Chemie in Tabellenform, Berlin 1835, S. Ⅴ.

Im kleinen Städtchen Schloppe, das 1834 lediglich 1492 Einwohner zählte,16J. C. Müller, Vollständiges geographisch-statistisch-topographisches Wörterbuch des preußischen Staates, Bd. 4, Erfurt 1836, S. 109. verlobte sich Mecklenburg am 27. Okober 1835 mit Auguste Friedemann, der einzigen Tochter des Kaufmanns Mendel Friedemann aus Schönfließ in der Neumark [heute Trzcińsko-Zdrój].17Verlobungsanzeige. In: Berlinische Nachrichten von Staats- und Gelehrten Sachen, Nr. 268, Berlin, 16. November 1835, S. [12]. – Zu Mendel Friedemann (* 10.01.1774) siehe das Bürgerbuch der Stadt Schönfließ, Bd. 2, 1810-1837, im Brandenburgischen Landeshauptarchiv, Potsdam. Am 9. Juli 1837 wurde dem Ehepaar eine Tochter geboren und Clara benannt.18Geburtsbescheinigung des Magistrats in Schloppe vom 7. Juni 1850. In: Urząd Stanu Cywilnego w Wałczu: Wstȩpne akta małżeństw poniemieckie (1883), In: Archiwum Państwowe w Koszalinie Oddział w Szczecinku, Signatur: 28/227/0/003, Blatt 196 Vorderseite. In Schloppe führte Mecklenburg eine Praxis als Arzt, Wundarzt und Geburtshelfer, der er im August 1840 eine Wasserheilanstalt hinzufügte. In dieser war »für Wohnung und Beköstigung zu billigen Preisen gesorgt«, während die Kranken sich in einer »günstigen Lokalität, Berg- und Thalgegend« zu Heilung eines »großen Reichtums des trefflichsten Wassers« bedienen konnten. Für Damen war eine spezielle »Douche mit Brause- und anderen nöthigen Apparaten vorhanden«.19J. M. Mecklenburg: Wasserheilanstalt in Schloppe [Inserat]. In: Öffentlicher Anzeiger, Beilage des Amtsblatts Nr. 34, Marienwerder, 21. August 1840, S. 265. Im Jahr darauf berichtete die Berliner medicinische Central-Zeitung über die Einrichtung:
Die geräuschlos im vorig[en] Jahre von unserem Arzte Dr. Mecklenburg ins Leben gerufene Wasserheilanstalt hat ihre Wirkung bei verschied[enen] Krankheitsformen der Art bewährt, dass sich Patienten aus der umliegenden Gegend in diesem Frühjahre schon früh eingestellt haben. In diesem Augenblicke befinden sich, abgesehen der Einheimische, 5 Auswärtige hier u[nd] mehrere sind für den nächsten Monat angekündigt.«20Anonym: Inland. Schloppe. In: Berliner Medicinische Central-Zeitung [Hrsg. J. J. Sachs], X. Jahrgang, Nr. 21, Berlin 21. Mai 1841, Spalte 411.
Auch als Arzt scheint Mecklenburg beliebt und erfolgreich gewesen zu sein – darauf deutet jedenfalls eine »Danksagung« hin, die der Freischulze August Schröder aus Trebbin [heute Trzebin] am 17. Oktober 1846 in das Wochenblatt Stadt- und Landbote einrücken ließ:
Dem Herrn Dr. Mecklenburg zu Schloppe fühle ich mich verpflichtet, für die mit Gewandtheit, Mühe und rastloser Thätigkeit in dem kurzen Zeitraume von 3 Wochen bewirkte gänzliche Wiederherstellung von einer lebensgefährlichen Krankheit (Lungenentzündung und Nervenfieber) meinen innigsten Dank hiermit öffentlichen abzustatten […].«21Danksagung. In: Der Stadt- und Land-Bote zunächst für die Kreise Dt. Crone, Chodziesen, Czarnikau und Flatow, 4. Jahrgang, Nr. 42, Deutsch Krone, 17. Oktober 1846, [S. 4].
Im Sommer 1847 wurde der Physikus des Kreises Deutsch Krone, Sanitätsrat Dr. Filehne, nach Erfurt versetzt. Die Stelle des Amtsarztes, deren Jahresgehalt sich auf 200 Taler belief, war damit frei und wurde am 30. August 1847 von der Regierung in Marienwerder zur Bewerbung ausgeschrieben.22Amts-Blatt der Königl. Preuss. Regierung zu Frankfurt an der Oder, Nr. 37 vom 15. September 1847, S. 283. Am 16. Februar 1848 verkündete das Amts-Blatt der Regierung, dass das »vacant gewordene Physikat des Dt. Croner Kreises […] dem Dr. med. et. chirurg. Carl Jacob Meklenburg verliehen« worden sei.23Amts-Blatt der Königl. Preußischen Regierung zu Marienwerder, Nr. 7 vom 16. Februar 1848, S. 28. Der fehlende Buchstabe »c« bei der Angabe des Nachnamens mag ein Druckfehler gewesen sein; der neue Vorname »Carl« implizierte aber, dass Mecklenburg inzwischen zur evangelischen Konfession konvertiert war. Solche Konversionen, vorrangig zum Protestantismus, waren im damaligen Preußen keine Seltenheit und kamen jährlich in etwa hundert Fällen vor.24A. Frantz: Handbuch der Statistik, Breslau 1864, S. 184. Sie fanden ihre Begründung meist darin, dass Juden bis zum Erlass des »Gesetzes über die Verhältnisse der Juden« im Juli 1847 von allen Staatsämtern – auch vom Pysikat – ausgeschlossen waren und auch nachher noch zahlreichen Einschränkungen unterlagen.25Siehe dazu M. Richarz: Der Eintritt der Juden in die Akademischen Berufe, Tübingen 1974, S. 177.

Mecklenburg hatte den Umzug in die Kreisstadt – die damals etwa 4200 Einwohner zählte –26Z. Boras, A. Wedzki, R. Walcak: Historia powiatu wałeckiego w zarysie. Poznań 1961, S. 235. bereits am 12. Februar 1848 durch ein Inserat im Stadt- und Landboten kommuniziert, in dem es hieß:
Unterzeichneter wohnt jetzt in Dt. Crone, in der Waldemarstraße unweit dem Königlichen Gerichtsgebäude.«27Anzeige vom 9. Februar 1848. In: Der Stadt- und Land-Bote zunächst für die Kreise Dt. Crone, Chodziesen, Czarnikau und Flatow, 6. Jahrgang, Nr. 7, Deutsch Krone, 12. Februar 1848, [S. 4].
Wie beliebt der Mediziner in Schloppe gewesen war, verrieten mehrere Abschiedsgrüße, die in derselben und in den nachfolgenden Ausgaben des Wochenblatts erschienen. Unter dem Titel »Nachruf« wurde ihm »im Namen und Auftrage der Umgegend von Schloppe« ein lyrisches Gedicht gewidmet, in dem der anonyme Verfasser »dem Lebensretter« versprach:
Lange wird Ihr Angedenken leben / Edler Mann! in unsern Herzen fort.«28Nachruf. In: Der Stadt- und Land-Bote … ebenda.
Ein zweites Gedicht appellierte an die Bürger der Kreisstadt:
Lieb’ Ihn, Crone! so wie wir Ihn lieben, / Ehr’ Ihn so, wie er hier bleibt geehrt.«29Eingesandt aus Schloppe. In: Der Stadt- und Land-Bote zunächst für die Kreise Dt. Crone, Chodziesen, Czarnikau und Flatow, 6. Jahrgang, Nr. 8, Deutsch Krone, 19. Februar 1848, [S. 4].
Der Magistrat und die Stadtverordneten von Schloppe lobten Mecklenburgs »Milde gegen die Armen unserer Stadt« und äußerten ihr »Bedauern, ihn von uns scheiden zu sehen«.30Anzeige. In: Der Stadt- und Land-Bote zunächst für die Kreise Dt. Crone, Chodziesen, Czarnikau und Flatow, 6. Jahrgang, Nr. 11, Deutsch Krone, 11. März 1848, [S. 4]. Im Namen der israelitischen Gemeinde bedankte sich deren Vorstand – bestehend aus M. Alexander und Friedländer – für die »erfolgreiche Wirkung«, die Mecklenburg in »einem Zeitraume von vierzehn Jahren« hatte:
Er war seinen Kranken nicht nur Arzt, sondern ein theilnehmender Freund. Mit seinem Abgange als Kreisphysikus nach Dt. Crone verlieren wir alle in ihm den rettenden Arzt und besonders unsere Armen den helfenden Beistand in den doppelt trüben Tagen der Krankheit.«31Anzeige. Ebenda.
Vor der Berufung zum Kreisphysikus hatte Mecklenburg eine besondere Staatsprüfung und einen Amtseid ablegen müssen.32L. von Rönne, H. Simon: Das Medicinal-Wesen des Preußischen Staates, Teil 1, Breslau 1844, S. 118 u. 119. Er war in seinem Amt unmittelbar der königlichen Regierung in Marienwerder unterstellt und nicht etwa dem Landrat, mit dem er allerdings eng zusammenarbeiten sollte.33A. a. O., S. 121. Als oberster Medizinalbeamter im Kreis verantwortete er den allgemeinen Gesundheitszustand und die Einhaltung der Medizinalgesetze; zu seinen vielfältigen Aufgaben gehörten die Abwehr von Epidemien und Viehseuchen, die Aufsicht über die medizinische Betreuung der Armen sowie die Kontrolle der niedergelassenen Ärzte, Hebammen und Apotheker.34Siehe dazu den Wortlaut der Bestallung in a. a. O., S. 119. Er fungierte als gerichtsmedizinischer Gutachter bei Geisteskrankheiten und ungeklärten Todesfällen,35Ebenda. überwachte das Impfwesen und war verpflichtet, jährlich »einen Generalbericht über das öffentliche Gesundheitswesen« an den Regierungs-Präsidenten einzureichen.36Ministerial-Verfügung vom 23. Mai 1846. Zitiert nach: I. Schlockow: Der preussische Physikus, Band 2, Berlin 1886, S 31. War vor Ort kein Militärarzt anwesend, gehörte auch die Musterung der wehrpflichtigen Kantonisten zu seinen Pflichten.37R. L. Wollenhaupt: Die Beurtheilung der Militärsanität oder Militärrüstigkeit für das Königlich Preußische Heer, Nordhausen 1861, S. 46.
Wie schon das recht niedrige Jahresgehalt von 200 Talern zeigt, war das Physikat trotz der Aufgabenfülle nicht als Vollerwerb gedacht. Es wurde ganz selbstverständlich vorausgesetzt, dass der Physikus zusätzlich eine normale ärztliche Praxis führte und diese wesentlich zu seinem Einkommen beitrug.38von Rönne, Simon: Das Medicinal-Wesen …, a. a. O., S. 124. Dass auch Mecklenburg in Deutsch Krone eine Arztpraxis führte, geht aus einer Anzeige hervor, mit der er im Juli 1848 einen Umzug kommunizierte:
Ich wohne jetzt in der Königstraße neben dem Deutschen Hause, und bin, da die Impfung beinah, das Canton-Geschäft gänzlich beendet ist, mit ziemlicher Gewißheit täglich zu Hause anzutreffen.«39Anzeige. In: Der Stadt- und Land-Bote zunächst für die Kreise Dt. Crone, Chodziesen, Czarnikau und Flatow, 6. Jahrgang, Nr. 30, Deutsch Krone, 22. Juli 1848, [S. 4].
Teil der Privatpraxis war wohl auch das »Kaltwasserbad nebst Douche und Brause«, das Mecklenburg nach Schlopper Vorbild zum 1. Juni 1850 am Stadtsee in Deutsch Krone einrichtete. Es mag sein, dass dieses Bad der Vorläufer der späterhin so beliebten städtischen Badeanstalt war. Zu den Nutzungsbedingungen des Bads teilte Mecklenburg im Stadt- und Landboten mit:
Ich werde vorläufig den Vormittag für Damen, den Nachmittag für Herren zum Baden und den Preis nachfolgend bestimmen: für die Familie Badezeit hindurch (incl. Douche u. Brause) 3 rth; für einen Monat 1 rth 15 sgr; für eine Person die Badezeit hindurch 2 rth, für einen Monat 1 rth, für ein einzelnes Bad 2½ sgr. — Ich bitte diejenigen, die zu abonniren geneigt sind, sich baldigst bei mir zu melden, damit ich die Badezeit ordnen und vielleicht noch einige Badezellen einrichten kann.«40Anzeige. In: Der Stadt- und Land-Bote zunächst für die Kreise Dt. Crone, Chodziesen, Czarnikau und Flatow, 8. Jahrgang, Nr. 21, Deutsch Krone, 25. Mai 1850, [S. 4].
Ab dem Dezember 1848 war Mecklenburg in seiner neuen amtsärztlichen Stellung besonders gefordert, weil kurz vor Weihnachten im Kreis eine Cholera-Epidemie ausbrach, der schon bis zum 29. Dezember 19 Einwohner der Kreisstadt erlagen.41Meldung ohne Titel. In: Der Stadt- und Land-Bote zunächst für die Kreise Dt. Crone, Chodziesen, Czarnikau und Flatow, 6. Jahrgang, Nr. 52, Deutsch Krone, 23. Dezember 1848, [S. 4]. Mecklenburg kannte die Krankheit bereits aus Schloppe, wo er ein erstes Aufflackern im Jahr 1837 erlebt hatte.42Dr. Mecklenburg: Die Wasserkur gegen die Krankheiten der Säufer. In: Medicinische Zeitung, 21. Jahrgang, Nr. 40, Berlin, 6.10.1852, S. 191-192. Heute ist allgemein bekannt, dass Cholera hauptsächlich über bakteriell verunreinigtes Trinkwasser übertragen wird, aber damals war die Ursache der Krankheit, die Westpreußen erstmals 1831 heimsuchte, unbekannt. Als Auslöser wurden meist Miasmen in der Luft vermutet, deren Weiterverbreitung man durch weiträumige Absperrungen einzudämmen versuchte.43U. Atzerodt: Allopathie und Homöopathie in der Cholerabehandlung, Dresden 1893, S. 3.