Auf den Spuren der jüdischen Gemeinde

Im Frühjahr 1931 unternahm der Historiker, Archivar und Genealoge Jacob Jacobson (1888-1968) im Auftrag des zionistischen Familienblatts »Menorah« einen Ausflug in die preußische Provinz.1J. Jacobson: Fahrt in die Provinz. In: Menorah. Jüdisches Familienblatt für Wissenschaft, Kunst und Literatur, 9. Jahrgang, Nr. 5/6, Wien, Berlin, Mai/Juni 1931, S. 232-241. Reiseziele waren die drei Kleinstädte Lippehne, Arnswalde und Märkisch Friedland, die aus unterschiedlichen Gründen für das jüdische Leben von Bedeutung waren. Dazu heißt es bei Jacobson:
Hier erwuchs eine Eigenart und Formung des Lebens und jene Kraft, die dann außerhalb der Heimat sich bewährte. Hier war, mochte auch die Hülle noch so wenig ansprechend sein, das zu Hause, was wir jüdische Kultur nennen dürfen.2Jacobson: Fahrt …, a. a. O., S. 235.
In Lippehne (heute Lipiany) hatte es zwar nie eine große jüdische Gemeinde gegeben, aber hier war Moses Moser (1796-1838) geboren, ein Freund Heinrich Heines und Schüler Moses Mendelsohns. In Arnswalde (heute Choszczno) lässt sich jüdisches Leben schon im Mittelalter nachweisen, aber diese Gemeinde wurde um 1570 vertrieben. Erst im Jahr 1679 siedelten sich erneut vier jüdische Familien im Ort an, die aus Schwerin an der Warthe (heute Skwierzyna) stammten. Um 1870 lebten in Arnswalde etwa 200 jüdische Familien, aber im Jahr 1931 machten die Juden »mit etwa 100 Seelen kaum noch 1 % der Gesamteinwohnerschaft aus«.3Jacobson: Fahrt …, a. a. O., S. 235. Dort auch die folgenden Zitate.. Die Synagoge der Stadt stammte aus den 1830er Jahren, war »sehr geräumig und nach den alten Bräuchen angelegt«. Bemerkenswert fand Jacobson auch den gepflegten Friedhof, der außerhalb der Stadt auf dem »Judenberg« – ungefähr am Ort des mittelalterlichen Friedhofs – lag. Im Jahr 1895 war dieser Friedhof geschändet worden. Aus Arnswalde stammte Philipp Moses (oder auch Phoebus ben Moses Arnswald), der Vater von Moses Philippson (1775-1815), der die Verbindung von deutscher und jüdischer Kultur entscheidend gefördert hatte.
Das längste Kapitel in Jacobsons Bericht gilt Märkisch Friedland, dem heutigen Mirosławiec, wo zu Anfang des 19. Jahrhunderts eine der größten und wohlhabendsten jüdischen Gemeinde in ganz Westpreußen bestanden hatte. Im Folgenden gebe ich den regionalgeschichtlich bedeutsamen Beitrag Jacobsons im Auszug wieder:
Zum festen Bestand der altpreußischen Judenstatistik gehörten die »publiquen Bedienten«, die Funktionäre der jüdischen Gemeinde. Je größer die Gemeinde, desto größer die Zahl dieser Funktionäre, desto größer aber auch die Verlockung zum Missbrauch dieser Position. Der Staat achtete scharf darauf, daß ihm nicht Leute als publique Bediente präsentiert wurden, die – ohne Gemeindeämter auszuüben – unerlaubter Weise dem Handel nachgingen. Es musste also schon eine besondere Bewandtnis damit haben, wenn im neuerworbenen Netzedistrikt einer Judengemeinde ein ganzes Heer solcher Gemeindebeamten zugebilligt wurde. Man kann daraus ohne Weiteres auf die Bedeutung dieser Gemeinde schließen, und andererseits kann die Aufzählung dieser Funktionäre einen Begriff vom Aufgabenkreis einer polnisch-preußischen Judengemeinde am Ausgang des 18. Jahrhunderts vermitteln.
Wir lassen also hier die Liste der publiquen Bedienten folgen, die im Jahre 1785 den Juden von Märkisch Friedland im Netzedistrikt zugestanden wurden: Da gab es einen Rabbiner und zwei Assessoren (sie bildeten das rabbinische Gericht), zwei Kantoren und einen Bassisten, zwei Schulklopper und ein einen Schulbedienten, zwei Schulmeister und einen Mädchenschulmeister, einen Kinderbeschneider und einen Frauenbader, zwei Fleischer, zwei Koller (Schächter) und einen Schabbosbäcker, einen Gesetzrollenschreiber und einen Aufwärter, zwei Krankenwärter, einen Lazarettwärter und einen Totengräber.

Die Regierung wusste, was sie tat, wenn sie »in Rücksicht des beträchtlichen Handelsverkehrs dieser Judenschaft selbige soviel als möglich zu soulagieren wohl gemeint war«. Denn die Judenschaft, auf die sie solche Rücksicht verwendete, war die wohlhabendste im ganzen, eben erst (1772) von Preußen erworbenen Netzedistrikt. Sie trieb einen bedeutenden Handelsverkehr mit Tuchen, die aus dem Netzedistrikt und der Neumark stammten, exportierte nach Polen, Litauen, Russland und dem Reich und spielte eine große Rolle auf den Messen in Frankfurt a. d. O. und Königsberg i. Pr. Neben dem für den Netzedistrikt charakteristischen Tuchhandel trieben die Friedländer Juden und ihre Bevollmächtigten, die in den Listen als »Knechte« erscheinen, ausgedehnten Handel mit Leder, Wachs, Honig, Tabak, Hanf, Flachs, Federn und Wolle.
Die Grundherren des kleinen Städtchens, die Barone von Blankenburg, hatten also sehr richtig kalkuliert, als sie im 17. Jahrhundert ihrem rein evangelischen4Bei Jacobson steht wohl fälschlich »reich evangelischen« statt rein evangelischen. – und das war gleichbedeutend mit deutschen – Städtchen eine Judensiedlung angliederten. Sie hatten sicherlich auch ihr eigenes Interesse im Auge, als sie dazu noch in der Zeit des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm Ⅰ., Juden, die aus der Neumark vertrieben waren, aufnahmen. Die Lage des Ortes als polnische Grenzstadt gegenüber der Neumark und Pommern war für den Handel sehr vorteilhaft und begünstigte das Wachstum der jüdischen Gemeinde.
Die neue preußische Herrschaft fand 133 Judenfamilien im Städtchen vor; weitere 25 Familie auf den umliegenden Dörfern. Nun war der Ort Grenzstadt dreier preußischer Provinzen geworden und gewann eine die Ausdehnung der Kleinstadt weit überragende Bedeutung. Bald überflügelten die jüdischen Einwohner auch die nichtjüdischen an Zahl. Im Jahre 1800 gab es schon über 1000 Juden am Orte. 1812, als das Judenemanzipationsedikt erging, hatte die Gemeinde mit 1400 Juden – ihre dörfliche Umgebung wohl mit eingeschlossen – ihren Höhepunkt erreicht, und sich auch numerisch an die Spitze des westpreußischen Judengemeinden geschwungen. Aber von nun ging es dauernd abwärts. Die inneren provinziellen Zollschranken fielen,5Bei Jacobson steht »provinzialen Zollschranken« statt provinziellen. und damit verschwand für Märkisch Friedland der Vorzug einer günstig gelegenen Grenzstadt. Die Handelswege nahmen eine andere Richtung und zwangen zunächst die Großhändler zur Auswanderung. Das hatte automatisch ein ständiges Abbröckeln der jüdischen Bevölkerung zur Folge. Die Auswanderungslustigen gingen zumeist nach Berlin, wo sie in der jüdischen Gemeinde sehr bald eine ihrem Vermögen und ihrem Können entsprechende Stellung einnahmen.
Man darf hier daran erinnern, dass zu den aus Märkisch Friedland stammenden Geschlechtern auch die Familie von Max Liebermann gehört, also mittelbar auch Walther Rathe-nau; und es mag auch angemerkt werden, dass einer der Hauptmitarbeiter Bismarcks, der preußische Justizminister und deutsche Staatssekretär Heinrich von Friedberg als Jude in Märkisch Friedland geboren war.
Wie rapide die Abwanderung vorschritt, lehren die Zahlen. 1839 waren nur noch 450 Juden am Ort, 1895 nur noch 200. Heute ist die jüdische Gemeinde des etwa 3000 Einwohner zählenden Landstädtchens kaum noch 90 Seelen stark und das, obgleich nach dem Kriege ein gewisser Zuzug aus den abgetretennen preußischen Ostprovinzen neu hinzugekommen ist.6Bei Jacobson heißt es »abgetriebenen preußischen Ostprovinzen« statt abgetretennen. Besser als an dem Beispiel von Märkisch Friedland könnte also die Umlagerung der jüdischen Bevölkerung innerhalb Preußens und Deutschlands kaum aufgezeigt werden.
Seine Glanzperiode erlebte Märkisch Friedland, der Herkunftsort so vieler, die später den Familiennamen Friedländer annahmen, zu der Zeit, als Akiba Eger dort das Amt des Rabbiners bekleidete (1791-1815). Als Eger das Rabbinat des westpreußischen Landstädtchens mit dem der großen Gemeinde Posen vertauschte, war auch hier schon das traditionelle Gebäude erschüttert und die Aufklärung, das Berlinertum, hatte auch nach Friedland hinüber gegriffen. Sie fand eine Stütze am hochgebildeten ortsansässigen jüdischen Arzt und kam ziemlich bald nach Egers Weggang in der Gründung einer vierklassigen öffentlichen Volksschule, der ersten ihrer Art in Preußen, zum Durchbruch.7Gemeint ist Dr. Lewin Phöbus (1765-1831), der die Schule zusammen mit dem Kaufmann Benjamin Marckwald (1770-1829) begründete. Aber mit dem ständigen Rückgang der Mitgliederzahl überstieg die Erhaltung dieser Schule, so viel Gutes sie auch stiftete, die Kräfte der Gemeinde.8Bei Jacobson heißt es »Durchhaltung dieser Schule« statt Erhaltung.
Ohne fremde Hilfe wäre es ihr auch nicht möglich gewesen, an Stelle ihrer schon baufällig gewordenen Synagoge einen Neubau zu setzen. Aber die Heimatstolzen legten Wert darauf, nur Heimatgenossen um Spenden anzugehen. Bloß beim Baron Rothschild machten sie eine – allerdings erfolglose – Ausnahme.
Die Synagoge in ihrer jetzigen Gestalt – ein dreiportaliger Backsteinbau mit dreieckigem Satteldach, vertieft angelegt und mit ganz dichten, 1,80 Meter hohen Gittern von den Frauenemporen – geht im Wesentlichen auf das Jahr 1840 zurück. Der aus Berlin herbeigerufene Prediger Salomon Pleßner (später Posen) hielt damals die Weiherede.

Eine Inschrift unterhalb der Frauenempore deutet auf das Einweihungsjahr hin. Darüber ist, kronegeschmückt, eine Tafel angebracht mit der Aufschrift: »Heil unserem König.« Sie galt natürlich einst dem gerade damals zur Regierung gelangten Friedrich Wilhelm Ⅳ., heute aber – den veränderten Verhältnissen Rechnung tragend – wird der Inhalt wohl auf den himmlischen König der Könige bezogen.
Die Wände der Synagoge, auch ihres Vorraums, sind mit großen, mannshohen Gebetstafeln geziert, die noch zum Teil der alten Synagoge entstammen, an deren Stelle und auf deren Grund die neue errichtet wurde. Sie gehören in der Hauptsache der Aufstiegsperiode der Gemeinde an und verraten Wohlhabenheit, Farbenfreude und religiösen Sinn. Gibt schon dieser Wandschmuck der Synagoge auf den ersten Blick ein eigentümliches Gepräge, so zieht sie mit jedem Schritt, den man sich der Ostwand nähert, gewissermaßen das Prachtgewand des 18. Jahrhunderts an. Denn da ragt in Blau, Silber, Rot und Gold, wie ein Hochaltar des Spätbarocks, das Schnitzwerk des mächtigen, zweigeschossigen, architektonisch schön gegliederten Oraun Hakaudesch.9Der Aron ha-Kodesch (hebräisch für »heilige Lade«) ist der Toraschrein in einer Synagoge, der als Aufbewahrungsort für die Torarollen dient. Jede Einzelheit an ihm ist mit Liebe und Akkuratesse ausgearbeitet, im Obergeschoss nicht minder als in der unteren Partie, wo besonders die Tür mit der Darstellung von Kultusgerätschaften Aufmerksamkeit und Entzücken erregt. Es ist so gut wie sicher, dass dieser Oraun Hakaudesch, diese heilige Lade, schon in der Synagoge stand, die die Friedländer Gemeinde sich 1770 erbauen durfte.10Anmerkung von J. Jacobson: Letzte Sicherheit ließ sich über die Entstehung dieser Schnitzarbeit nicht gewinnen. Es fanden sich in den Akten wohl Briefe, in denen sich »die nah und fern berühmten Schnitzler aus Kempen«, die auch die Synagoge in Fordon gebaut hatten (s. Aron Bernstein: Vögele der Maggid) und nachweislich an vielen Synagogenbauten in den Provinzen Posen und Westpreußen beteiligt waren, um Arbeit bzw. Renovierungsarbeit beim Neubau der Friedländer Synagoge bewarben. Das lag nahe, weil auch sonst die Synagoge in Fordon – den Akten nach – beim Neubau als Muster gedient hatte. Aber es findet sich in den Akten und speziell in den erhaltenen umfangreichen Quittungen und Abschlüssen der Synagogenbaukasse nicht die mindeste Spur dafür, dass S. Goldbaum, »Bildhauer aus Kempen«, wie er sich bezeichnet, einen Auftrag zur Schaffung oder Herstellung von Schnitzarbeiten in der Friedländer Synagoge erhalten hätte. Es wäre aber eine lohnende, wenn auch schwierige Aufgabe, dem Wirken dieser »Schnitzer aus Kempen« einmal in einer gründlichen, zusammenstellenden und vergleichenden Arbeit nachzugehen.
Das Ausmaß der Synagoge war schon den veränderten Verhältnissen angepasst. Die Ausdehnung des Friedhofs, etwa acht Morgen groß, entspricht noch der einstigen ungeminderten Größe der Gemeinde. Grab an Grab unter Eichen und Zwergkiefern. Aber die älteren Grabsteine scheinen nur wenig noch erhalten zu sein, es überwiegen die Steine aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Die kleine Gemeinde der preußischen Grenzmark setzt ihren Stolz darein, ihren Totenacker vor Verfall zu bewahren und für die Erhaltung ihrer Synagoge zu sorgen. Sie bewahrt auch die Einsicht, das, was sie selbst nicht mehr genügend hegen kann, sachkundiger Pflege zu überlassen.
In dieser vorbildlichen Fürsorge für die Wahrzeichen entschwundener Gemeindeherrlichkeit ehrt sie die Vergangenheit und sich selbst.